Mittwoch, 19. Juli 2006

Unterwegs mit Brocken

Neee, diesmal lauf ich nicht zur Bahnhaltestelle...in Motorradklamotten...bei 35 Grad...und lass mich begaffen. Diesmal geb ich mein Motorrad zur Jahresinspektion ab und nehm mal was anderes für einen Tag mit. Welche Maschine es sein soll? Die 1200 GS Adventure. Warum? Damit man weiß wo man sich mal hinentwickeln kann. Sage ich zumindest dem Meister bei BMW.
Schnell en paar Zettel ausgefüllt. Mir fällt sofort in den Blick, dass das Feld mit der Kilometerbeschränkung leer ist. Guuuut! Dann sagt der Heinz aber noch das ich bitte nicht gleich nach Berlin oder an die Ostsee aufbrechen soll. "Es ist als Heimbringer gedacht". Klar, sicher, ist mir egal als was es gedacht ist. Ich bin hier angetreten um das Ding zu testen! Das ist klar!
Nach kurzer Einweisung werde ich mit der Maschine allein gelassen. Spontan fällt mir der Ausdruck ein den Wischmeyers in seinen "Hörspielen" immer für seine Frau bringt..."Brocken".
Gut also angezogen und Brocken vom Hauptständer geschoben. Hey, Du bist ja gar nicht so schwer wie Du aussiehst (das wäre doch mal ein Kompliment an eine Frau!). Ich steige auf und suche 20 Sekunden den Anlasser. Als ich ihn gefunden habe springt der Boxer an. Schon beim lostuckern denke ich: "Mist, läuft das Ding nur auf einem Topf oder warum ist das so leise?". Wie sich später rausstellt, hat das Gefährt schon einen Sportauspuff dran, den ich aber wohl überhört habe. Als erstes geht es duch die Stadt. Obwohl Brocken 50 kg mehr auf den Rippen hat als meine Kiste fährt sie sich total easy! Bei Ampelstops spiele ich mit dem Board-Computer rum. Der zeigt alle Details die nie jemand wissen muss, inkl. aktueller Außentemp. und aktuellem Gang!!!
Die Sitzposition ist angenehm aufrecht wie ich es auch von der Dakar kenne, die Sitzbank straff aber dennoch nicht hart, das Winschild ist hoch und breit. Dahinter lässt es sich auch bei 190 km/h aushalten was ein kurzer Umweg über die A14 verrät. Das Getriebe wartet mit erstaunlich kurzen Schaltwegen auf und die Kraftentfaltung ist durchgängig gleichmäßig. Da wollte ich mal die Sau aus den 98 PS lassen aber irgendwie hab ich sie nicht gefunden. Den Dreh am Griff das man denkt "verdammt damit muss ich vorsichtig umgehen" scheint es nicht zu geben, auch wenn die Autos im Rückspiegel ganz schnell lustig klein werden.
Nach dem ich dreimal gehupt habe, ist das System mit dem Blinkschaltern rechts und links und dem Rückstellschalter für beide Blinker nur rechts endlich begriffen. Der Board-Computer vermeldet nun, das ich noch fast 600 km befahren könnte. Dafür sorgt das 33l-Fass zwischen meinen Beinen. Ich bin beeindruckt...bis zu Seifi nach Stuttgart ohne tanken!
Ansonsten offenbart sich mir der Begriff Gummikuh. Auf lange Bodenwellen ist Brocken nicht so gut zu sprechen. Die Vorder- und der eine Hinterraddämpfer federn unterschiedlich stark ein. Auch ein Dreh am Stellrad der hinteren Druckstufe behebt da nur wenig. Das ist recht gewöhnungsbedürftig auf ostdeutschen Straßen.
Über Nacht schläft Brocken in der heimischen Garage. Hier checke ich das Topcase und die Kofferhalterungen. Sieht alles sehr gut verarbeitet und pistentauglich aus. Als ich Brocken auf den Hauptständer befördert habe, genieße ich auch mal die Sicht vom Sozia-Sitz. Ich denke hier könnte Frau es ohne Ningeln ein paar huntert Kilometer aushalten.

Am nächsten Tag fällt mir beim Aufsatteln ein Geräusch auf, das immer erklingt wenn ich den Handbremshebel ziehe. Ein leises surren, das wohl vom Bremskraftverstärker kommt. Tja, da steckt viel Technik drin in Brocken. Der alles verbindende Draht is ein sog. CAN-Bus-System. Das verbindet alle Sensoren und Aktoren über eine Leitung und jeder fischt sich genau die Informationen raus die für ihn gedacht sind bzw. senden sie ab. Hab noch nirgendwo gelesen ob man sowas auf der Canning Stock Route in Westaustralien oder irgendwo in Patagonien wieder von Hand anlöten kann. Wer weiß was passiert wenn mal die Blinkerbirne rechts vorn das Leben aushaucht!
Am zweiten Tag bin ich jedenfalls schon viel mehr vertraut mit Brocken. Man kann auch in der Stadt mit 253 kg zügig um die Ecken tanzen. Es macht Freude!

Am Ende gebe ich aber Brocken zurück und empfange meinen Hobel mit Freude. Vielleicht komme ich in ein paar Jahren auf Brocken zurück. Billig in der Anschaffung, selbst wenn gebraucht, wird es wohl nicht. Bis dahin reite ich die Hälfte an Pferden und Hubraum mit genau dem selben Intusiasmus.

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